zurück zur Übersicht

Durch-denken, zer-denken – Eine Begegnung mit Caroline Schnitzer und Ludwig Obst vom Operetten-Kollektiv Tutti d*amore

Wie führt man*frau heute Operette auf? Darüber denkt das Berliner Kollektiv Tutti d*amore nach und präsentiert die Ergebnisse an ungewöhnlichen Orten, aber auch auf klassischen Bühnen: Ein Gespräch über Jaques Offenbach, den Reiz der Operette, Campingplätze und Coverbands.

Download auf: Stitcher / Spotify / Deezer / Apple

Titelblatt des Klavierauszug von Jaques Offenbachs‘ einaktiger Operette Vent du soir

Die vier Hauptdarsteller*innen der Uraufführung Vent du soir 1857

Sänger und Komiker Désiré – hier als Jupiter in Orphée aux enfers (Foto: Public Domain)
Sopran Marie Garnier (Foto: Pesme+Varin, Musée Carnavalet)
Henri Tayau (Foto: Mandar, Musée Carnavalet, Paris)
Édouard Théodore Nicole – hier als Aristeus in Orphée aux enfers (Foto: Ulric Grob, Musée Carnavalet, Paris)

„Wenn einer, so musste Offenbach der Oberfläche entgegendrängen und sich mit den Eindrücken erfüllen, die ihm in Paris zuströmten: Auf dem Boulevard du Temple herrschte ein ewiges Jahrmarktsfest. Messerschlucker, Skelettmänner, Zwerge und Riesenweiber. Dressierte Flöhe waren vor eine Miniaturkarosse gespannt; ein gelehrter Hund paradierte mit seiner Wissenschaft; ein junges Mädchen briet auf dem Rost. Eine Fröhlichkeit, die bunt wie die Zuckerstangen war. Hinter den Buden erhoben sich, unmittelbar nebeneinander, mehrere Theater, deren eines durch seine Tierstücke, seine militärisch-patriotischen Apotheosen und seine blendenen Feerien das Jahrmarktsspektakel noch überbot. Von hier aus zogen die Boulevards westwärts, durchquerten die Viertel der Industrie und des Handels und drangen unmerklich in die feineren Gegenden vor, die zahlungskräftiges Publikum verlockten. Leute, die Dioramen zeigten, Leute mit putzigen Äffchen, Kinder die Schnürsenkel und Perlmutterknöpfe feilhielten, als Türken kostümierte Männer in blauer Bluse, deren parfümierte Serailpastillen weithin rochen. So oft Offenbach die Boulevards durchschweifte, kreuzte er Sphären des Glanzes und Reichtums, die einen Outsider wohl zu betören vermochten: Die vollbesetze Terasse des Café Tortoni, vor der sich die Equipagen stauten, das Muschelwerk der chinesischen Bäder, die Fassadenfluchten einiger Luxusrestaurants und die jungen Dandys mit der dicken Zigarre zwischen den Lippen. Wer sich in den umliegenden Passagen verlor, glaubte durch eine Zeitlücke abgeirrt und unversehens in eine Märchenhöhle geraten zu sein. Die Lücke schloß sich gleich wieder. Marmor schimmerte, goldene Zierate glühten, und die künstlich erhellten Blumen, Pistolen, Flacons und Leckerbissen hinter den Spiegelscheiben waren ebenso viele Schätze. Hier entfaltete die Stadt mehr als anderswo ihre verwandelnden Kräfte. Dem Himmel und der Erde entrückt, tat sich hier ein Reich auf, das aus allen natürlichen Zusammenhängen herausgehoben schien und gleich der Bühne, die Möglichkeiten wunderbarer Illusion gewährte. Oder eröffnete sich in diesem Reich die Wirklichkeit selber? Es lag im Nirgendwo, dort, wo auch die Melodien zu Hause sind.“

(Zitat aus Jacques Offenbach und seine Zeit, Siegfried Kracauer)

Das Innere des Théâtre des Bouffes-Parisiens, in dem Jaques Offenbach seine Werke zur Uraufführung brachte. Es waren ihm hier zu Beginn Einakter mit nicht mehr als vier Personen auf der Bühne gestattet.

(Foto: Public domain, via Wikimedia Commons)

Auf seiner Website Saturnus Philosophorum präsentiert Sebastian Will eine spannende Entdeckung: Choreographin und Aktivistin Katherine Dunham in einer Tanz-Szene des Films Im Schwarzen Rössl (mit Trude Herr und Gus Backus aus dem Jahr 1961).