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Stimmen im Wind – Ein Gespräch mit Popmusiker Justus Köhncke über seine fabulösen Schlager-Interpretationen.


Justus Köhncke im Video zu From Disco to Disco

Wie entstand denn Deine Vorliebe für Schlager? Wie kam das?

Das ist keine Vorliebe. Das klingt jetzt vielleicht kitschig: Ich bin Musikliebhaber und Grundgesetz, Artikel eins: Genre egal. Wenn ich die Musik liebe, dann liebe ich sie. Das gilt für Beatles genauso wie für… (zögert)… den Begriff „Schlager“ lehne ich ab.

Welchen Begriff würdest Du vorziehen?

Ich weiß keinen guten Ersatz, denn der Begriff ist ja ziemlich durchgesetzt. „Deutscher Pop“ trifft es auch nicht, da denke ich gleich an diese Scheußlichkeiten in den deutschen Charts. Da gibt es ja nur noch diesen Musik-Akademie-Säusel-Pop, die Musik ist auch so scheiße und so erfolgreich… oder den Gangster-Rap, den Schlechten, aber das hat der HipHop ja auch nicht verdient.

Was ist daran so furchtbar?

Das ist alles so harmlos. Hör Dir mal An alle an, da geht es in jedem Song um Leben und Tod, Hauen und Stechen. Nachts wenn alles schläft handelt von Ehebruch. Ein Stern der deinen Namen trägt ist einer der besten Love-Songs, die ich kenne. Die sind extrem wesentlich diese Stücke. Juli singt dann eher ein Lied über Sommerferien. Perfekt produziert, aber öde. Im (geflüstert) Schlager, (wieder laut) geht es nur um den Song, ich bin Verehrer guter Songs. An Alle entstand, weil ich zu einem HKW-Kongress namens Doofe Musik eingeladen war. Das war schön, weil das dadurch ans Tageslicht kam: diese Versionen von deutschsprachigen Liedern, die ich super finde. Stimmen im Wind von Juliane Werding… ein Wahnsinns-Lied.

Was findest Du gut daran?

Also, das erzählt eine Geschichte von einer solchen Dramatik!

Ich kann mich aus meiner Kindheit noch an Juliane Werding erinnern, mit diesen Pullovern und diesen dicken, schweren Haaren.

Ich hatte lange nicht begriffen, wovon der Song eigentlich handelt. Und beim ersten Einsingen musste ich abbrechen vor Weinen, denn es handelt von nichts anderem, als dass sie einen Matrosen hat zum Kerl und der ist ertrunken. Und sie steht immer da… guckt aufs Meer und trauert. Also das ist schon sehr ernst. Die Werding arbeitet aber auch nicht mehr, die ist jetzt Heilpraktikerin am Bodensee.

Woher kanntest du den Song?

Ich hatte den als Jugendlicher gehört in der Hitparade. Disco und Hitparade, mehr gab es ja in den 70ern im TV nicht für Kinder, die Pop mochten. In den 80ern kam dann Formel Eins, das war dann eine ganz andere Dimension wegen der Musikvideos und der recht internationalen Auswahl. Stimmen Im Wind lag jedenfalls bei mir im Giftschrank, zehn Jahre lang, zusammen mit Ein Stern, der deinen Namen trägt. Ich habe mich nicht getraut, das zu veröffentlichen, ich dachte ich ruiniere sofort jegliche Karriere. Aber dann passte das thematisch auf An Alle, mit einigen neuen Sachen und Tanita Tikaram auf Deutsch… weil ich ja auch so gerne übersetze… sklavisch wörtlich! Lieblingshobby.

Wie kamen die Sachen denn in deinen Giftschrank?

Ich bin ein unheimlich fauler Songschreiber, ich brauch für zwei Songs fünf Jahre, aber ich mache eben gerne Cover-Versionen, von Sachen, die ich liebe. Man kann etwas gut finden und musikalisch ganz woanders hinstellen oder man macht es ganz werktreu und setzt dem Lied ein Denkmal.


Single Cover 1979
Single Cover 1986
Cover An Alle 2016


Ist An Alle ein Denkmal?

Nee, nee. Das sind Übertragungen. Ein Stern, der deinen Namen trägt ist elektronisches Country, statt Mallorca-Schlager… also in ein anderes Genre übertragen. Ich will ja nicht angeben, aber diese Idee mit elektronischem Country/Folk verfolgt mich schon lange, das ging ja schon 1999 los mit meiner Auffassung von Neil Youngs‘ Old Man. Da jagte mir damals bei einem Konzert ein unsympathischer Rockist in Österreich Angst ein, als er mir in unverhohlener Aggression zuraunte, für das was ich mit Old Man gemacht hätte, müsste man mir die Fresse polieren. Und das kurz vor dem Auftritt. Zu Nachts wenn alles schläft: bei aller Antipathie mit Howard Carpendale als Typ, aber dieser Song… von Kunze und Meinunger, diesen Ultraprofis. „Der, dem du gehörst, zu dem gehörst du nicht / weil das was du fühlst einfach dagegen spricht“. Für die zwei Zeilen bräuchte ich wahrscheinlich vier Jahre. Ich arbeite ja auch gerne mit Blaupausen: Riss in meiner Nüchternheit, die deutsche Version von Twist in my Sobriety, ist musikalisch eine Blaupause von Libertango von Grace Jones. Nightclubbing von Grace Jones ist meine Bibel… eine meiner Bibeln. Trotzdem dachte ich, alle erklären mich dafür für verrückt. Wenn es in so einem konzeptuellen Rahmen ist, eine Konferenz im HKW, dort habe ich es auch vor großem Publikum gesungen mit Chor, ist es ja irgendwie eingerahmt – ich war aber trotzdem voller nackter Angst.

Hast Du eine Idee, wo das herkommt, dass man manches hören „darf“, aber anderes als Schund gilt?

Keine Ahnung, es ist so schrecklich deutsch. Das gibt es ja auch nur hier. U und E, my ass. Schöne kleine Geschichte über Holger Czukay: Der hat grundsätzlich all seine CAN- und Solokompositionen bei der GEMA als E-Musik angemeldet, er war ja schließlich auch mal Stockhausen-Schüler, denn dafür gibt es erheblich mehr Geld.

Wie bist du denn zur Musik gekommen?

Durch mein Elternhaus, die hatten eine sehr, sehr gute Plattensammlung. Dadurch fühle ich mich geradezu privilegiert. Es gibt ja Leute, die im Elternhaus gar nichts kriegen außer Scheiß-Musik und Fernsehen. Die Velvet Underground-Platte mit der Banane zum Abziehen…

Meine Eltern hatten die Stones-Platte mit dem Reißverschluss.

Das kann auch nur Warhol einfallen, dass man Jagger die Hose aufmachen kann… der war ziemlich Schwanz-versessen. Velvet Underground mit der Banane ist ja auch ziemlich phallisch… peel slowly and see. Mein Vater, damals Referendar als Kunsterzieher, er ist selber auch Künstler und war 1968 Pop-Art-Fan, kaufte die Platte in einem Import-Plattenladen für US-GIs in Hessen, an dem er immer vorbeilief. Natürlich in erster Linie, weil „Andy Warhol“ draufstand.

Also keine Schlager? Jetzt sage ich wieder dieses Wort…

Mozart, Bach, die späten Beatles… Bildungsbürger-Haus. Mit sechs bekam ich Taschengeld, da kriegte ich irgendwie mal sechs Mark und ging damit stolz in den Plattenladen in unserer Strasse: „Ich-hätte-gerne-eine-Platte!“, da verkauft der mir eine Heintje-Single. Ich wusste mit sechs, dass eine Single sechs Mark kostet. Die lief dann zum Leidwesen meiner Eltern rund um die Uhr. Meine zweite echte Kaufentscheidung als Album (Monatstaschengeld weg, egal!) war dann 1976 Wings‘ At the Speed of Sound, die liebe ich bis heute die Platte. Let ‚Em In habe ich dann ja auch mal gemacht.


Aufkleber zur EP An Alle


Ich frage mich immer, woher kommt so ein ganz breiter Geschmack, dass man so viel verschiedenes „gut“ findet, oder etwas darin sehen kann.

Also, dazu fällt mir nur was ganz Kitschiges ein: Aus Liebe zur Musik an sich. Im Elektronik/DJ/Techno-Genre in den Nuller Jahren war es ja besonders schlimm… so eng… nur minimal… ich habe in Berlin aufgelegt in den Nullern, da schrien mich Leute an, was mir einfällt, etwas mit Gesang aufzulegen, Vocal House oder so… die Leute wollten keine Text-Nachricht, nur Klicker-Klacker. Ich hab mit… (bewegt nur lautlos den Mund und formt das Wort Schlager)… schon auf Was ist Musik angefangen, mit dem Münchener Freiheit-Cover Du bist nicht allein. Die wurden ja später erst so ein bisschen Kanon: Also als Leute wie Jochen Distelmeyer sich zur Münchener Freiheit bekannten. Der Song hat mich so umgehauen, dass ich sofort eine House-Version davon machen musste. Diese Harmonien, da stirbst du. Und deren Beatles-Besessenheit… I love it. Die Texte sind nicht ohne. Mit Marianne Rosenberg würde ich auch gerne mal was machen. Die hat einfach die beste Stimme. Marleen ist so gut. Ich habe die mal interviewt für die Stadtzeitung „Überblick“ in Düsseldorf. Das war 1989/90, da ging das ja los mit so Sachen, die Veranstaltung hieß Gay-Happening, in einer Krefelder Großraum-Disco. Die hatten immer die besten Acts, die hatten Boney M, Marianne Rosenberg, komplett in Leder, die leibhaftige Amanda Lear, die ich auch interviewt habe. Bei Rosenberg war ja die Idee, Philly-Sound zu machen, wie Gloria Gaynor nur auf Deutsch und mit ihrer tollen Stimme. Absolut genial! Der Artikel hatte dann die Überschrift „Was ist eigentlich so gut an Marianne Rosenberg“.

Hast du noch andere guilty pleasures?

Musikalisch gibt es kein guilty. Jede Musik, die mir gefällt, ist schön und „darf“.

Dann nennen wir es vielleicht Tips? Hast Du andere Tips?

Alexandra, Daliah Lavi, Dunja Rajter. Oh… doch… ein guilty pleasure habe ich. Die hatte nur einen Hit: Ingrid Peters mit Komm doch mal rüber. Da hat sie eine Affäre mit dem Nachbarn, oder halt eben noch keine. Das ist frisch und frech und macht gute Laune: „Ich hab heut ein Date mit dem Jungen von gegenüber – Ich hab‘ so das dumpfe Gefühl, Du, ich hab mich verliebt“. Da sind auch einige Blue Notes drin.

Liebe zur Musik bedeutet dann: keine Kategorien?

Mein Hasswort zur Zeit ist ja Vielfalt. Ich fände auch mal gut als CSD-Motto auszurufen: „Einfalt vor Vielfalt“ oder „Einfalt statt Vielfalt“. Damit werde ich wahrscheinlich nicht durchkommen.

Wird es Nachfolger zu Stimmen im Wind und Ein Stern, der deinen Namen trägt geben?

Also, An Alle sehe ich mehr so als singuläre Sache. Mit Gina D’Orio arbeite ich allerdings gerade an so einem ziemlich kruden und trashigen Ding, das leider noch geheim bleiben muss… keine Coverversionen jedenfalls, versprochen!